17 Stunden zum Ultra

Nicht erwartet aber doch geschafft. Am vergangenen Wochenende habe ich die 100km der Horizontale um Jena in 17 Stunden bewältigt und somit meinen ersten Ultramarathon. Da meine längsten Läufe bisher um die 20km lagen, war ich im Ziel mehr als zu frieden mit mir.

Hektik vorm Start

Da ich die Horizontale von Jena das erst Mal lief, wusste ich nicht wo es los ging und wo ich meine Startunterlagen erhalte. Im Nachhinein hätte ein gründlicheres Lesen der Informationsseiten mir einige Schweisstropfen gespart. Am Ziel angekommen hatte ich 20 Minuten Zeit mich umzuziehen und meine Startunterlagen abzuholen. Die Schlange der Wartenden war lang genug, so entschloss ich erst meine Laufsachen anzuziehen und dann zur Ausgabe der Startunterlagen zu gehen.

Mit meiner pCard, dem Schlüsselband und einer farbigen Wanderkarte in der Hand lauschte ich den Hinweisen zur Strecke, wobei ich aber nur einen Bruchteil mitbekam. Als die Ersten sich zum Start begaben, zwängte ich mich soweit wie möglich nach vorn, damit ich später auf der Strecke weniger Wanderer überholen musste.

Zweimal Ultra

Nach dem ich die ersten Wanderer hinter mir gelassen hatte, traf ich auf eine kleine Gruppe von Läufern, die sich schon einwenig abgesetzt hatte. Hier lernte ich auch zwei erfahrene Ultra-Läufer kennen. Ins Gespräch kam ich mit Günter Meinhold und Bill Nickl Nickl über die Five Fingers, die ich für den ersten Teil der Strecke gewählt hatte.

Günter Meinhold und Bill Nickl laufen mehr Marathon und Ultra-Marathon im Jahr als ich Traingsläufe. Ich konnte also auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Ohne dem ich wohl nicht soweit gekommen wäre. Danke Jungs!

Bill Nickl mit der roten und Günter Meinhold mit der gelben Kappe

Bill Nickl mit der roten und Günter Meinhold mit der gelben Kappe

Abhang mit Aussicht

Von der Muskelkirche aus ging es Richtung Fürstenbrunnen, den ich später noch sehnlichst suchen sollte, von dort aus hoch auf die Horizontale. Es war ein wunderschönes entspanntes Laufen auf weichem Waldboden, angenehmen Temperaturen und herrlichem Tageslicht. Die Aussicht von der Horizontalen über Jena ist wirklich an jeder Stelle fantastisch. Das zog sich dann bis fast zur ersten Verpflegungsstation die bei Kilometer 22,6 in Zöllnitz lag.

Entlang der Horizontale

Entlang der Horizontale

Aber schon hier auf dem ersten Abschnitt zeigt sich das man teilweise genau hinsehen musste um die Markierung der Horizontale nicht aus den Augen zu verlieren. Bei Ilmnitz waren die Markierungen auf der Straße und ein kleines Stück weiter an einem abschüssig stehenden Baum. Uns fiel dieser nur auf, da das Gras hier bereits platt getreten war.

Magenzwicken

 

Günter Meinhold und Ich beim Esse fasse in Zöllnitz

Günter Meinhold und Ich beim Essefasse in Zöllnitz - © by Telse

 

Die erste Verpflegungspause in Zöllnitz nutze ich zum Wechsel meiner Schuhe (den weiter komme ich im Moment nicht mit den Vibram FiveFingers) und zum Auftanken meiner Kräfte. Denn die Länge des ersten Abschnittes entsprach in etwa dem was ich bisher maximal im Training gelaufen war. Damit ich nicht gleich auf dem nächsten Abschnitt einbreche befolgte ich Günter Meinholds hinweise, aß und trank ordentlich und lies die Flasche die er mir gegeben hatte mit Cola auffüllen, denn meine Trinkflasche hatte ich vorsorglich vergessen (das nächste Mal weiss ich was mit muss :).

Da ich mich erst wieder an das Laufen in Schuhen gewöhnen musste, verabschiedete ich mich hier vorsorglich von Bill Nickl und Günter Meinhold. Unsere Trennung sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein.

Auf der Brück über die Roda begann es dann, das fiese Bauchzwicken. Zum Glück aber nicht bei mir. Günter Meinhold war der Glückliche und durfte sich die kommenden Kilometer damit beschäftigen. Nach vielen Winden, Schokolade, Äpfeln und ruhiger Bewegung war alles wieder im Lot und Günter Meinhold wieder voll dabei.

Nach langem Zögern überholten wir bei Leutra eine Gruppe von Walkern. Bill Nickl war Anfangs der Meinung wir sollten sie ruhig einwenig vor uns her treiben aber irgendwie konnte ich es nicht lassen und zog mit Bill Nickl und Günter Meinhold an den stöckerntragenden Jungs vorbei.

Bei Bucha stieg der Mond blutrot am Himmel auf und sorgte für staunen. Nur Günter Meinhold war mit der Suche nach Schokolade beschäftigt.

Horizontale Jena

Erster Marathon

Vor  Ammerbach war es dann soweit. Günter Meinhold verkündete meinen ersten Marathon. Bill Nickl und er hatten schon eine ganze Weile gerechnet und den ungefähren Zeitpunkt bestimmt an dem ich meinen ersten Marathon geschafft haben sollte. Das funktionierte alles tadellos mit Kopf und Uhr und ohne Günter Meinholds GPS-Uhr die zu dem Zeitpunkt gerade streikte.

Von Ossmaritz bis Ammerbach ging es durch Wald. Das Laufen viel mir jetzt immer schwerer und ich legte öfter Gehpausen ein. Nach mehrfachen anbieten nahm ich Günter Meinholds Angebot an und rieb mir die Oberschenkel mit einer schmerzlindernden Salbe ein. Kurze Zeit später ging es mir spürbar besser und ich konnte die restliche Strecke bis zur Verpflegungsstelle in Ammerbach durchlaufen.

Heisser Tee und Kaffee

In Ammerbach hiess es dann für mich wieder Kohlenhydrate mampfen. Da es nun doch relativ frisch wurde zog ich meine neue Newline Softshell Jacke an, die bis ins Ziel nicht mehr ablegen sollte (in einem anderen Artikel mal mehr davon). Während Bill Nickl und Günter Meinhold auf Ihren Kaffee warteten verdrückte ich meine Wurst und eine halbe Tafel Schokolade. Wirklich leckere Kombination ;)

Gestärkt aber leicht fröstelnd ging es dann Richtung Papiermühle. Auch dieser Abschnitt machte wieder Spaß.

Horizontale Jena

Wo geht’s lang

An der Papiermühle angekommen. Trafen wir auf zwei Läufer die bereits einmal den falschen Weg gelaufen waren, was uns Zeit sparte. Auch der zweite gemeinsame Versuch endete in einer Sackgasse. Der Dritte Versuch brachte uns dann weiter. Man muss hier wirklich genau hinsehen um das Horizontalezeichen neben der Wegweisertafel zu finden. Für die nächsten Minuten ging es nur bergauf. Am Anfang mit unzähligen Stufen. Günter Meinhold war hier in seinem Element. Wie eine Bergziege hüpfte er bergauf und musste dann leider etwas auf uns warten.

Oben angekommen gab es eine tolle Aussicht über das nächtliche Jena. Günter Meinhold war in Gesprächen mit den beiden neuen Läufern vertieft und Bill Nickl packte später auch noch seine Laufstöcker aus, von denen Günter Meinhold nicht sehr angetan war :)

Irgendwann zwischen Munketal und Rautal machte ich mich davon und versuchte mein eigenes Tempo zulaufen. Es machte Spaß. Am Anfang hörte ich noch Bill Nickl Günter Meinhold und die andern beiden Läufer. Ich machte eine Verfolgungsjagd draus. Doch bald war ich allein und genoss die Stille des Waldes. Unheimlich wurde es, als ich ein Pärchen mitten im Walde überholte. Wie konnten die beiden in Ihrem ruhigen schlendertempo vor uns laufen? Zu den 35’gern konnten sie nicht gehören, da die nicht mitten in der Nacht gestartet waren. Ich rannte also vorbei und malte mir aus, wie sie die Verfolgung aufnahmen um mich zu überrumpeln (Scherz :).

Ab der Jägerbergstraße began es zu Dämmern und Nebel stieg auf. Nun wurde es wirklich schwierig die kleinen Zeichen der Horizontalen zu finden. Mit Stirnlampe war die Sicht kürzer aber heller ohne hätte ich die Zeichen übersehen.

An 6. Position

Im Rosental war dieses Jahr die Kontrollstelle versteckt. Beim verlassen fragte ich, wieviele den schon hier durch waren. Fünf war die Antwort. Wow, dachte ich, dass sieht doch gut aus. In zwischen waren die Beine wieder schwer geworden und mein Getränk leer. Bis Zwätzen hatte ich daher eine Mischung aus Gehen und Laufen. Doch dann wollte ich es wissen, biss die Zähne zusammen und lief bis zur Verpflegungsstelle in Kunitz bei Kilometer 70 durch.

Hier erwartete mich eine Überraschung. Nicht nur die reichliche Auswahl an Getränken und Verpflegung sondern auch, dass hier bereits 25 Anderer vor mir da waren. Hä? Dabei hatte mich niemand seit der Kontrollstelle im Rosental überholt. Da ich vor allem an meiner eigenen Leistung interessiert bin störte es mich nicht sehr.

Als ich mich bereits wieder los machte kam gerade Günter Meinhold an. Ich sollte auf ihn warten. Machte ich aber nicht, denn weg laufen konnte ich nicht mehr. Günter Meinhold war schneller da als ich 50m gehen konnte. Wir unterhielten uns noch kurz. Bevor er dann weg war meinte er noch „Bis zum Ziel sehen wir uns wieder.“ Aber daraus sollte dieses Mal nichts werden.

Horizontale Jena

Lang und Langsam

Der nächste Streckenabschnitt bis zum Steinkreuz sollte lang und langsam werden. Allein der Aufstieg zur Kunitzburg war gezeichnet von Krämpfen im Oberschenkel. Dem Hufeisen entlang hadertet ich mit mir selbst. Sollte ich mich von meinem Vater in Wogau abholen lassen oder hörte ich auf Günter Meinholds Ratschlag und versuchte wie auch immer ins Ziel zukommen. Denn, so meinte er, wenn man einmal Aufgibt wird man es immer wieder tun.

Also biss ich mich durch. Auf Höhe der Fuchslöcher holte mich dann auch Bill Nickl ein. Wir unterhielten uns noch einwenig bevor ich auch ihn ziehen lassen musste. Der Aufstieg zum Fuchsturm war dann auch eher langsam. Von hier bis zum Steinkreuz zog sich der Weg. Ich wollte wieder laufen, doch gehen war zu diesem Zeitpunkt das einzige was ging.

Wie ein Phoenix

Vom Steinkreuz bis ins Ziel waren es dann immer noch 15km. Nach dem ich mich einwenig erholte hatte und meinen Füssen eine kleine Massagepause gönnte. Ging ich weiter. Bill Nickl den ich hier wieder traf und einige andere waren bereits seit einiger Zeit weg. Erst machte ich mir nichts daraus, da ich einfach nur noch ankommen wollte. Später als ich von fünf weiteren Wanderern überholte wurde, packte mich wieder der Ehrgeiz. Erst ging ich immer schneller, überholte die ersten die mich überholt hatten und dann fing ich an wieder zu laufen. Sogar Bill Nickl holte ich wieder ein. Es machte irgendwie wieder Spaß. Ich wollte ins Ziel. Und ich wollte noch so viele wie möglich überholen.

Nach dem ich niemanden mehr vor mir sah war ich wieder zufrieden. Doch jetzt wurde der Weg lang. Das Ziel im Auge lief ich noch lang auf der Horizontalen bis zum Fürstenbrunnen.

Bin ich schon da

Am Fürstenbrunnen angekommen wähnte ich mich schon im Ziel. Doch es war nur eine weitere nicht eingezeichnete Kontrollstelle. Doch was heisst nur, hier gab es Obst, Süsses und eine kostenlose Trinkflasche des Laufladens Jena für jeden. Nur die Aussage der Streckenlänge bis ins Ziel schockte mich. Noch immer 5km. Doch so kurz vorm Ziel hiess es ein weiteres Mal Zähne zusammenbeissen.

Vom Fürstenbrunnen bis ins Ziel konnte ich nochmal ein paar meiner Mitstreiter überholen und hätte ich in Wöllnitz nicht die falsche Abbiegung genommen, wäre es auch dabei geblieben.

Endlich da

Im Ziel angekommen, empfing ich meine Urkunde und mein Finisher-Shirt, danach wollte ich einfach nur noch liegen. Ein halbe Stunde lag ich also in der Turnhalle wurde mit Decke, Bratwurst und Kaffee versorgt und kam wieder zu Kräften. Innerlich freute ich mich riesig über die bezwungene Strecke und das ich nicht aufgegeben hatte.

Gelernt habe ich, dass mehr in mir Steckt als ich glaube. Wenn ich will, dann schaffe ich es, auch wenn es manchmal nur langsam vorangeht.

Danke!

Zum Schluss möchte ich mich bei Bill Nickl und Günter Meinhold für ihre Unterstützung bedanken. Aber auch bei den vielen Helfern an den Verpflegungsstellen und im Ziel. Ein großer Dank geht auch das Organisationsteam der Jenaer Horizontale, die eine durch und durch gelungene Veranstaltung auf die Beine gestellt hat.

Ich komme wieder!

1. Teil der Wanderkarte der Horizontale Jena

1. Teil der Wanderkarte der Horizontale Jena

2. Teil der Wanderkarte der Horizontale Jena

2. Teil der Wanderkarte der Horizontale Jena

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7 Kommentare

  1. Das hab‘ ich gelesen. Deshalb werde ich die Horizontale nächstes Jahr nochmal in Angriff nehmen.

    Jetzt weiss ich worauf es ankommt und werde mich mit mehr langen Läufen besser vorbereiten. Dieses Jahr hatte ich ein Trainingsumfang von max. 2 Läufen pro Woche und die waren nur zwischen 10 bis 20 Kilometer lang. Zu wenig.

    Bin schon auf Deinen 24-Stundenlauf gespannt.

  2. Herzlichen Glückwunsch!!

    Wie kommt man auf die Idee 100km zu laufen? Ich finde die Strecke ultra-krass:-). Bisher bin ich maximal 25 km am Stück gelaufen, wenn auch etwas schneller. 42,195km sind schon eine unfassbare Herausforderung (für mich), aber 100:-)!….
    Chapeau!

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